»Verschwisterung unter Ungleichen« oder: Woher kommt die Kraft zum Widerspruch?
Ich möchte als Einstieg für meinen Vorschlag das Kürzel der Tagung nutzen: Radikalverbunden. Als Welterfahrung haben wir dies einmal mehr in der Pandemie erlebt: Nicht nursind wir weltweit untrennbar verbunden (vgl. Goffrin 2025) und können uns aus dieserVerbindung nicht herausziehen, ohne uns zu isolieren. Wir können uns auch nicht isolierenoder abkoppeln, ohne psychisch und leiblich einzugehen (vgl. Bowlby 2010). Das hat damit zu tun, dass der Mensch von Anfang an radikal soziales Wesen ist: VonAnfang an entfaltet sich unser Subjekt-Werden im sozialen Raum als Raum des und derAnderen, in den wir als Fremde, als Gast und Neuankommende eintreten, angewiesen aufeine antwortende Welt, auf Neugierde und Interesse. Nur so können wir uns beheimaten,Zugehörigkeit erfahren und Differenz erleben – beides notwendig für eine sich als gelingenderlebende Selbst- und Welterfahrung. Dazu gehört auch das Erleben, dass mein HandelnBedeutung, meine Stimme Gewicht hat, dazu gehört die Erfahrung meiner Verantwortung fürandere und für den geteilten sozialen Raum selbst. Die Beheimatung in der Welt bleibt dabei Prozess, unabgeschlossen, ist immerkonfliktiv und vollzieht sich in letztlich unauflöslichen Spannungsfeldern zwischen Identitätund Differenz, Ankommen und Fortgehen (vgl. Fromm 1989a). Der soziale Raum ist die Arenain der sich unsere Kämpfe um Anerkennung und gegen Missachtung und Ausschlussabspielen. Er erfordert und er lehrt Konfliktfähigkeit und Sich-Verändern in der Begegnung.Das bringt Lust, aber Verlust (Gast 2006), es bedeutet Fortgehen und mit etwas Glück auchzurückkehren, aber als andere:r. Die ,Erfahrung der Pandemie‘ bleibt dabei gleichzeitig dieErfahrung weltweiter Impulse der Solidarisierung, die auf zuvor gemachte Erfahrungenzurückgriffen (wie den Sommer der Migration, Mi una menos, Black Lives Matter) – wie auchderen krachender Stillstellung. Das vorweggenommen, möchte ich zwei Perspektivverschiebungen vorschlagen. Zumeinen scheint es nötig, das Subjekt sanft ein wenig aus dem Fokus zu rücken, in den es allzusehr geraten scheint. Das würde bedeuten, Solidarität nicht so sehr als intersubjektiveBeziehung, sondern als soziale zu betrachten, die stets auf ein Drittes zielt: WennSubjektwerdung nicht Identitätsbildung heißt, sondern einen komplizierten, lustvollen undauch schmerzhaften Prozess des Werdens meint, der nicht nur Anerkennung, sondern immerauch Verkennung und trotzdem wechselseitige Verantwortung bedeutet – dann bedeutet Solidarität den Raum hierfür zu verteidigen. Solidarität wäre dann zuallererst eineNegationsbewegung, die dem Verworfenen, Nicht-Identischen einen Platz einräumt, stattsich auf die Seite der Behauptung von Identität zu werfen, was vielmehr einer Ent-Solidarisierung gliche, verkannt als solidarischer Akt. Denn Solidarität soll gerade nicht ausder Nahbeziehung abgeleitet werden, dem Eigeninteresse oder der Loyalität verwandt sein,sondern ihr Auftauchen noch an den feindseligsten Orten belegt, dass sie einem urtümlichenethischen Impuls folgt, der jede:r gelten kann und letztendlich auf die Welt selbst gerichtet istund der Überzeugung die Treue hält, dass diese eine Welt für alle sein kann. Die zweite Perspektivverschiebung zielt daher auf die Frage, was Solidaritätverhindert: was jenen Impuls zur Verschwisterung unter Fremden vereitelt, der derMenschheit von allem Anfang an innewohnt.Entlang dieser Frage soll in den Blick genommen werden, woher der massive Hassrührt, den wir überall auf der Welt aufheulen hören, und woher das Ausbleiben vonSolidarisierungen angesichts so massiver Menschenrechtsverletzungen vor den eigenenHaustüren und Bildschirmen. Herrschaftskritisch lässt sich in den Blick nehmen, wie massivjene solidarischen Verbindungslinien zerschlagen werden, die gerade in Momenten der Kriseauftauchen – und die Behauptung aufstellen, dass jene Angriffe und auch das Kapern desBegriffs der Solidarität selbst („Solidarität der EU-Staaten an den Außengrenzen“ u.a.) genaudort angreift, wo es für die herrschende Ordnung am gefährlichsten wird. Affektiv werdendurch forcierte Konkurrenz und die Bedrohung durch sozialen Ausschluss und Mangel Neidund Ressentiments geschürt. Scham und Schuld spielen als soziale Gefühle gerade beidenjenigen eine Rolle, die sich ohnmächtig erleben und als Mitläufer:innen, Schweigendeoder Mittäter:innen fungieren (Rothberg 2025). Die Annahme, die der Beitrag diskutieren will, ist dass jene Dynamiken dortdurchbrochen werden (können), wo konkrete soziale Praktiken aufscheinen, die einenutopischen Überhang erlebbar machen und der Kälte der gegenwärtigen Verhältnissewidersprechen (vgl. Loick 2024): Die Nachbarschaftshilfe, die in den USA in kürzester Zeit dieNetzwerke in den Kiezen hat sichtbar werden lassen, wo die, die nicht direkt betroffen sind,mit ihren Körpern die am meisten Gefährdeten zu schützen versuchen, die Seenotrettung, diedie zynische Behauptung Lügen straft, es gehe nicht anders, das Athener Hotel City Plaza,das für einige Zeit bewiesen hat, dass Geflüchtete auch in einem Hotel ankommen können,etc. ... Formatvorschlag: Ich würde gern vom konkreten Beispiel aus der Praxis ausgehen undjene Schritte gemeinsam entwickeln, die ich oben skizziert habe. Ich kann mir das zumBeispiel als Fishbowl vorstellen und/oder so, dass ich ein „Intro“ vorbereite, das die dreiSchritte, die mir wichtig erscheinen an einem prägnanten Beispiel aufzeigen und dann zurDiskussion öffnen. Bitte gebt gern eine Rückmeldung, was Ihr am besten finden würdet. Mir liegt daran, dass die nach wie vor wenig besprochenen Erfahrungen der Pandemie-Zeit nicht dem Vergessen anheimfallen. Gleichzeitig böte sich an, über die iranische Revolution zu sprechen, wo sich oben Gesagtes ebenfalls gut zeigen lässt oder eben über dieaktuellen Mobilisierungen in den USA. Als Erinnerung lässt sich an die Erfahrungen aus denStreik- und Solidaritätsbewegungen rund um die Krise ab 2009 anknüpfen, insbesondere dieMobilisierungen in Griechenland sind mein Erfahrungshorizont, zu denen in der Folge ja auchdie transnationale Organisierung entlang der Fluchtrouten gehörte, die sich als„Verschwisterungsbewegung“ verstehen lässt, die für unseren Wiener-Deutschen Kontext ja auch verbindende Erfahrung ist.
Quellen: Bowlby, J. (2010), Frühe Bindung und kindliche Entwicklung, München: Reinhardt.Fromm, E. (1989). Psychoanalyse und Ethik. (1947a).Gesamtausg. (II, 1–157). München: dtv.Gast, L. (2006). „Mensch ist der, der grenzenlos verliert ...“: Zur (Psycho-)Logik des Verlusts. Jahrbuch Psychoanalyse, 52, 169–186.Goffrin, J. (2025), Solidarische Sorgepraktiken und egalitäre Körperpolitiken, in: Neuhaus, M., Mielke, L., Perinelli, M., Solidarität – eine reale Utopie, Berlin: Verbrecher.Karakayalı, Serhat, Solidarität mit den Anderen. Gesellschaft und Regime der Alterität, in: Broden, A. und Mecheril, P. (Hg.), Solidarität in der Migrationsgesellschaft. Befragung einernormativen Grundlage, Bielefeld 2014, S. 111–126.Loick, D. (2024). Die Überlegenheit der Unterlegenen. Berlin: Suhrkamp. Rothberg, M. (2025) Differenzierte Solidarität und das implizierte Subjekt, in: Neuhaus, M., Mielke, L., Perinelli, M., Solidarität – eine reale Utopie, Berlin: Verbrecher.